Ehem. Gasthof zum weißen Schwanen Thurnau - Ausschnitt Luftbild: Ingo Bäerlein - www.FrankenAIR.de

Im Gasthaus zum „Weißen Schwanen“: Das Obergeschoss

Vom Flur des Erdgeschosses führte vor Umbau von 1956 eine zweiläufige gewinkelte Treppe mit Eckpodest ins Obergeschoss, wo sich die ursprüngliche Aufteilung der Räume bis heute weitgehend unverändert erhalten hat. Erreicht man das obere Ende der Treppe, so hat man die auf die Dachböden führende Treppe vor sich. Rechts führt eine Tür auf die Galerie, an deren Ende sich der „Abtritt“ (Toilette) befindet. Eine weitere Tür vermittelt den Zugang zu den drei im Obergeschoss des Anbaus gelegenen Zimmern.

Plan über die historische Raumnutzung und die Gestaltung der Decken im 1. Obergeschoss)
Plan über die historische Raumnutzung und die Gestaltung der Decken im 1. Obergeschoss)

Wendet man sich im Treppenhaus nach links, so gelangt man durch einen kurzen Flur zu einer spätbarocken Doppeltürrahmung. Diese besteht aus zwei rechteckigen Durchgängen, die durch ein zentrales Trumeau getrennt und von seitlichen Wandpilastern flankiert werden. Das dominierende Element ist das schwere, mehrfach gestufte Abschlussgesims, das über den Pilastern und dem Mittelpfosten tief verkröpft nach vorne hervorspringt. Unterhalb des Gesimses verläuft ein feiner Zahnschnitt als klassisches antikisierendes Dekorelement. Die Wandungen der Laibungen sind schlicht gehalten, während die Frontseiten der Pilaster eine feine Rahmung durch Profilleisten aufweisen. Die architektonische Strenge, kombiniert mit der plastischen Ausformung der pilasterartigen Gewände spricht für eine Entstehung der Türrahmung in der Zeit des Übergangs vom Barock zum Klassizismus, also wohl um die Mitte bis in die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts.

Der Mittelpfosten wird durch eine applizierte Palmetten-Konsole bekrönt, deren plastische Ausformung und stilisierte Blattfächer auf eine historisierende Überformung des 19. Jahrhunderts hindeuten. Anstelle der heutigen, eher isoliert wirkenden Palmette, wird man sich dort ursprünglich wohl ein korinthisches Kapitell vorstellen können. Die historischen Türblätter dieser ungewöhnlichen Doppeltüranlage sind leider nicht erhalten geblieben.

Durch die rechte Tür betritt man den wohl am aufwändigsten gestalteten Raum im „Weißen Schwanen“, den für festliche Veranstaltungen reservierten Saal. Dieser verfügte – ebenso wie die übrigen Räume im Obergeschoss – über eine bauzeitliche Balken-Bohlendecke. Wie ein während der denkmalfachlichen Begutachtung freigelegtes Teil dieser ursprünglichen Deckenkonstruktion zeigt, verfügen die im Querschnitt etwa 21 Zentimeter breiten Balken über eine mehrgliedrige Profilierung an der Unterseite. Dieses Profil ist als eine Abfolge von flachen Kehlen und Rundstäben (Wülsten) gestaltet, was der massiven Holzkonstruktion eine rhytmische Eleganz und plastische Gliederung verleiht. Die Bohlen liegen dabei bündig in den seitlichen Falzen der Balken auf, was eine geschlossene, flächige Deckenuntersicht erzeugte.

Blick auf ursprüngliche Balken-Bohlendecke des Saals: nur hier weisen Balken eine Profilierung mit flachen Kehlen und Wülsten auf
Ein bei der denkmalfachlichen Untersuchung des Gebäudes angelegtes „Fenster“ durch die Stuckdecke des 18. Jahrhunderts erlaubt einen Blick auf ursprüngliche Balken-Bohlendecke des Saals. Nur hier weisen die Balken eine Profilierung mit flachen Kehlen und Wülsten auf, bei den übrigen Balken-Bohlendecken im Haus wird auf ein solches Dekor verzichtet.

Diese barocke Substanz wurde im 18. Jahrhundert zur Basis für eine stilistische Neugestaltung. Die gesamte Holzkonstruktion wurde dabei als Träger für eine moderne Putz- und Stuckdecke genutzt.

Die Stuckaturen sind zwar durch im Laufe der Jahrhunderte immer wieder neu aufgebrachte Tünchen buchstäblich überkleistert, doch konnte die Hand des Restaurators bei der denkmalfachlichen Begutachtung des Hauses einen kleinen Teil derselben freilegen und die ursprüngliche Filigranität dieser Meisterwerke der Dekorationskunst wieder sichtbar machen.

Die gestalterische Ausführung der Stuckdecke teilt sich in zwei großformatige, symmetrisch angelegte Deckenfelder, die durch den zentralen, in den Raum ragenden Unterzug der Balken-Bohlendecke getrennt werden. Dieser Unterzug ist überputzt; beidseitig angeordnete Hohlkehlen vermitteln den fließenden Übergang zur Deckenfläche, wodurch die konstruktive Schwere optisch abgemildert wird. Jedes Deckenfeld wird durch ein Ensemble aus sechs Stuckkartuschen akzentuiert. Die vier Ecken jedes Feldes werden durch ausladende, plastisch hervortretende Kartuschen betont. Jeweils mittig an den Längs- und Stirnseiten befinden sich kleinere, korrespondierende Zierelemente, die den rhythmischen Aufbau der Decke vervollständigen und das zentrale Feld, den Spiegel, rahmen.

Das vom Restaurator freigelegte Deckenfragment präsentiert sich als charakteristisches Zeugnis der ornamentalen Stuckplastik des fortgeschrittenen 18. Jahrhunderts. Die Komposition wird von einer asymmetrisch geführten Rocaille dominiert, deren C- und S-förmige Schwünge die typische Dynamik des Rokoko verkörpern. Besonders hervorzuheben ist die filigrane Ausarbeitung der Grate, die durch die Hand des Restaurators ihre ursprüngliche Schärfe zurückgewonnen haben. Das Ornament entfaltet sich in einer reliefplastischen Tiefe, die zwischen flachen Übergängen zum Spiegel und markant hinterschnittenen Partien wechselt. In abstrakte Muschel- und Bandelwerkstrukturen sind naturalistische Blütenzweige und fiederige Akanthusblätter organisch eingeflochten. Diese Symbiose aus vegetabiler Form und abstrakter Kurvatur zeugt von einer hohen handwerklichen Qualität, die den Übergang vom schweren Barock zur lichten, spielerischen Eleganz des Rokoko markiert. Die nun wieder sichtbare Textur der Oberfläche verdeutlicht eindrucksvoll, wie die ursprüngliche plastische Brillanz durch spätere Fassungsschichten unkenntlich gemacht wurde.

Zusammenfassend gesehen handelt es sich um eine anspruchsvolle Saaldecke aus der Mitte des 18. Jahrhunderts, die durch die symmetrische Anordnung der Rokoko-Kartuschen und die geschickte Integration des Unterzugs eine harmonische Einheit von Statik und spätbarocker Leichtigkeit bildet.

Detailzeichnung der vom Restaurator freigelegten Stuckkartusche
Detailzeichnung der vom Restaurator freigelegten Stuckkartusche

Beim Entfernen der Deckenabhängung im mittleren Raum des Anbaus kam ebenfalls eine allerdings stark beschädigte Rokoko-Stuckdecke zum Vorschein. Der Einbau einer Toilette und einer Dusche im südlichen Teil des Zimmers hat den Stuck in diesem Bereich weitgehend zerstört; weitere Verluste brachte der Einbau aber auch das Herausreißen der Deckenabhängung. Auch hier wird die Decke durch einen zentralen, ebenfalls stuckierten Unterzug in zwei Felder unterteilt. Große Fehlstellen im Putz geben heute den Blick auf die historische Lehmstaken-Konstruktion und das Balkenwerk frei. Dennoch zeigen die erhaltenen Fragmente auf beiden Seiten der Deckenbalken ein korrespondierendes Dekorationsschema. Die Ornamentik konzentriert sich dabei vor allem auf die Eckbereiche und die Rahmung der Deckenfelder, was dem Raum eine klare, rhythmische Gliederung verlieh.

Übersichtsaufnahme der Stuckdecke
Übersichtsaufnahme der Stuckdecke

Die Detailanalysen der Fragmente (Stuck 1 und 2) identifizieren das Dekor eindeutig als Rokoko. Dominant ist das Motiv der Rocaille – jene asymmetrische, muschelartige Ornamentform, die für die Mitte des 18. Jahrhunderts charakteristisch ist. Die Detailzeichnungen belegen ein Repertoire aus schwungvollen C- und S-Bögen, die mit zarten Blütenranken und vegetabilen Elementen verflochten sind. Besonders im unteren Teil des rechten Deckenfeldes zeigt sich eine dichte, fast spielerische Komposition aus Rocaillen.

Stilistisch lassen sich die Stuckarbeiten im Saal und in dem Zimmer im Anbau in die Blütezeit des Rokoko, also in die Jahre zwischen 1740 und 1770 datieren. Dass ein Gasthof wie der „Weiße Schwanen“ mit solch feingliedrigen Decken ausgestattet war, unterstreicht seine Funktion als erstklassige Adresse im Markt Thurnau. Die Stuckdecken dienten nicht nur der Dekoration, sondern waren ein sichtbares Zeichen für den Wohlstand und den kulturellen Anspruch des Hauses im Weichbild des Schlosses.

Zurück