Ehem. Gasthof zum weißen Schwanen Thurnau - Ausschnitt Luftbild: Ingo Bäerlein - www.FrankenAIR.de

Im Gasthaus zum „Weißen Schwanen“: Das Obergeschoss

1955 hatte Rudolf Waldhier das Haus von Dr. Pollmanns Erben gekauft. Dessen Vater Josef Waldhier hatte seit 1903 im Haus Kirchplatz 9 eine Buchdruckerei betrieben und war der Herausgeber der Zeitung „Fränkischer Landbote“ gewesen. 1956 begann Rudolf Waldhier mit umfangreichen Baumaßnahmen in seinem neu erworbenen Haus. Die wichtigsten Verändungen waren die Erneuerung der Südfassade, der Anbau eines Treppenhauses sowie der komplette Umbau des Erdgeschosses zu einer Buchdruckerei mit angegliedertem Laden. Trotz der tiefgreifenden Eingriffe in das Raumgefüge im Erdgeschoss konnte man bei der denkmalpflegerischen Untersuchung des Hauses im Herbst 2025 feststellen, dass sich in fast allen Räumen die originalen Balken-Bohlendecken aus der Bauzeit um 1670 erhalten haben. Nur der hintere Teil des Ladens, dort wo sich einst die gewölbte Küche befunden hatte, fand sich eine abgehängte Putzdecke an einer neuen Balkendecke.

Die südliche Giebelwand wurde 1956 durch einen Neubau aus Porenbetonsteinen ersetzt, der im Erdgeschoss ein Schaufenster, eine Ladentür, die Haustür, ein weiteres großes Fenster und im Obergeschoss drei zweiflügelige Stubenfenster erhielt. Der mächtige verschieferte, durch ein Gesims in zwei Abschnitte gegliederte Giebel bewahrte jedoch seine Holzkonstruktion aus dem 17. Jahrhundert und zeigt drei Dachbodenfenster.

Von der Südansicht des Hauses vor 1956 ist bisher nur ein einziges Foto bekannt. Es wurde 1952 anlässlich eines Festzuges aufgenommen. Darauf fällt besonders das Eingangsportal ins Auge. Es handelt sich um ein rechteckiges Portal mit einer flachen, schmucklosen Sandsteinrahmung. Das markanteste Element ist der Architrav-Abschluss der Supraporte. Über dem Türsturz befand sich eine rechteckige, wohl leere Inschriftenkartusche, die von einem flachen Gesims bekrönt wurde. Seitlich der Kartusche hängen zwei Festons, die an Schleifen aufgehängt zu sein scheinen. Dies ist ein typisches Dekorelement des frühen Klassizismus. Dementsprechend dürfte die Portallaibung in der Zeit um 1800 entstanden sein. Das Oberlicht über den Türflügeln zeigt ein Gitter in Form von sich überschneidenden Rundbögen und sorgte für eine zusätzliche Beleuchtung des Hausflurs.

Unsere Vorfahren unterschieden beheizbare Wohnräume, sogenannte Stuben, von den – in der Regel – unbeheizten Kammern, die oft als Schlafzimmer, manchmal auch als Vorratsräume dienten. Nach dem Gewerbekataster des Jahres 1825 verfügte das Erdgeschoss des „Weißen Schwanen“ damals neben dem Gastraum über zwei heizbare Zimmer, eine Küche, ein Speisegewölbe und drei Kammern. Betrat man das Parterre durch das beschriebene frühklassizistische Portal, so führte die erste Tür auf der linken Seite in das Gastzimmer. In der hinteren rechten Ecke dieses Raumes – von der Eingangstür aus gesehen – verband ein kleines Durchreichefenster den Gastraum mit der benachbarten Küche. Diese war vom Flur aus durch eine zweite Tür auf der linken Seite zu betreten. Es handelte sich um einen großen überwölbten Raum, in dem einst unter einem weiten, sich im Obergeschoss zu einem Schlot verengenden deutschen Kamin gebraten und gesotten wurde. Auf der Rückseite des im Gastraum stehenden und von der Küche aus zu beheizenden Kachelofens war ein gußeiserner Ofenhafen eingemauert, der ebenfalls zum Kochen diente. Rechts vom Eingang befand sich der große Backofen, denn immerhin hatte der „Weiße Schwanen“ 1811 auch ein Backfeuerrecht; dahinter befand sich das Speisegewölbe. Die vis á vis von Gastraum und Küche gelegenen Stuben gehörten wohl, ebenso wie die drei Kammern im rückwärtigen Anbau, zur Wohnung des Wirts und seiner Familie. Vom Hausflur aus über die Galerie erreichte man schließlich noch den „Abtritt“, also die Toilette.

Die Räume im Erdgeschoss nach dem Gewerbekataster von 1825
Die Räume im Erdgeschoss nach dem Gewerbekataster von 1825

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